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Das Bi-Syndrom in der Tierakupunktur


Unser Antrieb als Tiertherapeut:innen ist, dass unsere tierischen Patienten ohne Schmerzen leben. Denn nicht selten haben Tier und Mensch schon einen langen Weg hinter sich gebracht und die Schmerztherapien im klassischen Sinne waren häufig nicht erfolgreich. Hier setzt die traditionell chinesische Medizin für Tiere an. Denn die Tierakupunktur hat bei Problemen des Bewegungsapparates eine große Möglichkeit.

In diesem Artikel möchte ich dir das Bi-Syndrom, auch bekannt als Bì zhèng (= schmerzhaftes Obstruktionssyndrom) näher bringen. Denn mit dem Bi-Syndrom sollten wir Tierheilpraktiker:innen und Tierphysiotherapeut:innen uns genauer auseinandersetzen. Haben wir das Bi-Syndrom behandelt, kommen wir relativ zügig an die Wurzel der eigentlichen Grundübel. Schmerzen von Hund und Pferd können wir durch die Tierakupunktur somit effektiv lindern. 

„Bi“ bedeutet Blockade oder Verlegung. Bi beschreibt das schmerzhafte Stauungssyndrom von Qi oder Blut in den Meridianen. Ein Bi-Syndrom an sich ist eine Qi-Stagnation. Dringen die vier pathogenen Faktoren Wind, Kälte, Hitze oder Nässe in den Körper ein, kommt es zur Qi-Stagnation. 


Qi- und Blut-Stagnation in der Tierakupunktur

Eine Qi-Stagnation kannst du dir wie Wolken vorstellen. Sie kommen und gehen. Auch die Qi-Stagnation kommt und geht wieder. Wie fühlt sich eine Qi-Stagnation an bzw. welche Symptome zeigen Hund, Katze oder Pferd?

Typisch ist, dass sich die Tiere einlaufen. Das heißt, die Problematik (wie zum Beispiel Schmerzen beim Gehen) treten auf, die Tiere laufen sich ein und die Schmerzen sind plötzlich weg.  Weitere Hinweise auf eine Qi-Stagnation sind Manipulationen (zum Beispiel Akupunktur/Akupressur) verbessern und auch Druck verbessert die Beschwerden. Die Lahmheit tritt immer an unterschiedlichen Stellen auf. Einmal ist sie vorne, dann hinten, mal links, mal rechts.

Im Laufe der Zeit kann sich hieraus eine Blut-Stagnation entwickeln. Die Problematik dringt immer tiefer in den Körper ein. Eine Blut-Stagnation kannst du gut erkennen: sie fühlt sich auf den Meridianen wie Stecknadelköpfchen oder wie Steinchen an. 

Symptome bei Schmerzen durch eine Blut-Stagnation sind: 

  • Stechende, bohrende Schmerzen
  • Die Tiere möchten sich nicht berühren lassen.
  • Druck und Bewegung verschlimmert
  • Die Schmerzen sind immer lokalisiert und fixiert. 

Wie du bereits gelesen hast, kann sich aus einer Qi-Stagnation eine Blut-Stagnation entwickeln. Aus dieser Blut-Stagnation kann Schleim entstehen. Dies zeigt sich durch Lipomen, Zysten, Myomen und/oder die Lymphknoten können anschwellen. Es kommt also zu einer Schleimansammlung im Körper. Dies ist ebenfalls ein Hinweis auf eine Stagnation bzw. einen Stagnationsverlauf. 


Was kann ein Bi-Syndrom aus westlicher Sicht sein?

Hier gibt es eine Menge Diagnosen. Die wichtigsten will ich dir hier auflisten:

  • Entzündungen jeglicher Art
  • Arthritis
  • Arthrose
  • Jegliche Art von Schmerz
  • Degenerationen/Zellverfall von Gewebe und Organen
  • Metabolische Entgleisungen des Bindegewebes, der Gelenke und Muskeln (z.B. Azidose, Equines metabolisches Syndrom)
  • Hufrehe
  • Schleimbeutelprobleme
  • Fibromyalgie
  • Ischiasproblematiken
  • Autoimmunerkrankungen
  • Spondylose
  • Kissing-Spines


Die Pathologie des Bi-Syndroms in der Tier-TCM

Selten tritt zum Beispiel eine Kälte alleine in den Körper ein. Meist sind die pathogenen Faktoren Kälte, Nässe, und Hitze durch den Wind ausgelöst. Der Wind ist also das Vehikel für die Krankheitsübel. Kälte, Nässe und Hitze treten mit dem Wind in Kombination in den Körper ein und verlegen die Leitbahnen. Und diese Obstruktion führt dann zu einer Blockade von Qi und Blut. Voraussetzung für die Entstehung eines Bi-Syndroms ist immer das Eindringen von pathogenen Faktoren in Form von Wind, Kälte, Nässe oder Hitze. Zu Beginn verbleiben die pathogenen Faktoren an der Oberfläche. Hier spricht man dann von einer Fülle-Pathologie. Das heißt, wir haben eine Fülle in den Leitbahnen. Ist das Zheng-Qi (wahres Qi) geschwächt, entsteht eine Chronifizierung des Bi-Syndroms und die pathogenen Faktoren dringen immer tiefer in den Körper ein. Im weiteren Verlauf kann dann eine Ansammlung von Schleim entstehen. Bleibt die Problematik unbehandelt, dringen die pathogenen Faktoren immer tiefer ein und greifen die Zang Fu Organe an. 


Anamnese

Frage bei der Anamnese immer genau nach. Hinterfrage immer das Schmerzgeschehen bei Hund und Pferd. Ich habe dir einen kleinen Auszug aus meinem Fragenkatalog mitgebracht: 

  • Wie sind die Symptome entstanden? 
  • Wie hat die Problematik angefangen? 
  • Welches Problem ist zuerst aufgetreten?
  • Wann ist die Lahmheit chronisch geworden? 
  • Gibt es etwas, was die Problematik verbessert oder verschlechtert? 
  • Gibt es noch weitere Ursachen?

Mache dir hier ein klares Bild darüber, wie der pathogene Faktor in den Körper eingedrungen ist und wie der Krankheitsverlauf ist. Hierdurch kannst du das Bi-Syndrom besser verstehen und auch besser mit der Akupunktur oder den TCM-Nahrungsergänzungsmitteln behandeln. 


Das Wind-Bi – Feng-Bi

Das Wind-Bi gehört zum Element Holz in der TCVM und wird dem Frühling zugeordnet. Der Frühling hat ein charakteristisches Klima, den Wind. Du kennst bestimmt den Spruch: „Der Wind fährt in den Nacken ein.“ Vielleicht ist dir das auch schon selbst passiert. Das ist ein klassisches Beispiel für eine Wind-Problematik aus Sicht der traditionell chinesischen Medizin beim Tier. Es gibt den inneren und den äußeren Wind. Wind an sich ist ein Yang-Pathogen und steigt nach oben oder außen.

Der äußere Wind kann auch nach innen wandern. Daraus können Probleme wie Spasmen, Konvulsionen, Epilepsie und Autismus entstehen. Das wird dann dem inneren Wind zugeordnet. 

Der pathogene Faktor Wind tritt meist in Kombination mit den pathogenen Faktoren Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze auf. Wind kann alle Gliedmaßen betreffen und wandert gerne im Körper.  Er befällt überwiegend die großen Gelenke, die Sehnen, die Bänder und die Faszien. Ein wichtiges Symptom für eine Wind-Problematik ist, dass die Symptome plötzlich auftreten und sich rasch ändern. Größtenteils strahlen sie nach lateral aus. Die tierischen Patienten haben ein unklares Krankheitsbild und die Tierbesitzer haben schon eine lange Odyssee hinter sich, aber eine richtige Diagnose wurde noch nicht gefunden. 

Symptome für eine Wind-Problematik aus Sicht der TCVM.:

  • Unklares Krankheitsbild
  • Wechselnde Gelenkschmerzen
  • Akute und plötzliche Schmerzen
  • Tremor
  • Zunge: blass bis normal, mit feinem, dünnen Belag

Westliche Erkrankungen, die dem Wind zugeordnet werden können:

  • Hufgelenksentzündung 
  • Muskelverspannungen 
  • Neuralgien 
  • Paresen
  • Hexenschuss

Denke bei der Wind-Problematik daran, das Qi zu stärken.


Das Kälte-Bi – schmerzhaftes Bi

Das Kälte-Bi wird auch das „schmerzhafte Bi“ genannt. Man ordnet es dem Element Wasser mit der Jahreszeit Winter zu. Ein typisches Symptom für ein Kälte-Bi sind blaue Finger. Das hast du bestimmt auch schon erlebt. 

Nach der Theorie der traditionell chinesischen Medizin sagt man: „Die Heizung des Körpers (das Mingmeng) funktioniert nicht mehr richtig.“ Es gibt eine äußere Kälte und eine innere Kälte. Ein kennzeichnendes Beispiel sind ältere Tiere, die die Wärme des Ofens suchen, weil das Yang-Qi geschwächt ist. Oder auch die Tiere, die sich im Sommer in die pralle Sonne legen und warme Plätze aufsuchen. Hier ist die Kälte schon tief in den Körper eingedrungen und sie frösteln innerlich. Merke dir, dass das Kälte-Bi eine Yin-Pathologie ist.

Symptome für ein Kälte-Bi: 

  • Unilaterale (einseitige) Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Die Schmerzen sind ortsfest. 
  • Fixierte Gelenkschmerzen
  • Regionale Minderdurchblutung - Stagnation von Qi und Blut
  • Schwache Tiere
  • Die Tiere stolpern häufiger.
  • Die Tiere fallen immer wieder mal hin.
  • Ruhe und Kälte verschlimmert.
  • Bewegung und Wärme verbessern.
  • Zunge: blass, mit weißem Belag

Westliche Erkrankungen, die der Kälte zugeordnet werden können:

  • Lumbalgien
  • Arthrose
  • Hüftgelenksdysplasie
  • Ellenbogendysplasie
  • Hufrollenproblematik
  • Generell Gelenkprobleme

Beim Kälte-Bi sind häufig die Knochen bereits mitbetroffen und die Erkrankung entwickelt sich langsam ins Chronische. Diese Patienten nehmen auch die Moxatherapie sehr gut an. 

Die betroffenen tierischen Patienten haben meist auch schon eine lange Schmerztherapie hinter sich. Sie haben häufig nicht nur Schmerzmittel, sondern auch Antiphlogistika, Antibiotika und Kortison bekommen. Frage immer nach, welche Medikamente das Tier schon bekommen hat! 


Das Nässe-Bi / Feuchtigkeits-Bi

Auch hier gibt es eine äußere und eine innere Feuchtigkeit. Bei einem Nässe-Bi ist es wichtig, dass du die Haltungsbedingungen des Tieres hinterfragst. Wie wird es gehalten? Wo schläft das Tier? Denn gerade Tiere, die in einem nassen Zwinger oder einer nassen Box leben, entwickeln zügig ein „äußeres Nässe-Bi“. Sprich hier mit dem Tierbesitzer auf jeden Fall über Management-Maßnahmen. 

Das Nässe-Bi kann genauso aus einer falschen Ernährung entstehen. Die Milz ist für die Feuchtigkeitsverteilung zuständig. Wenn Milz und Magen nicht richtig arbeiten, kann es zu einer Feuchtigkeitsablagerung kommen. Eine weitere Managementmaßnahme ist hier, mit dem Tierbesitzer über die Ernährung zu sprechen. 

Das Nässe-Bi wandert dann relativ zügig nach Innen und eine innere Feuchtigkeit entwickelt sich. Das Nässe-Bi ist ein Yin-Pathogen und die Qi-Zirkulation in den Leitbahnen wird beeinträchtigt. Mit der Zeit dickt sich die Feuchtigkeit ein und Schleim entsteht. 

Typische Symptome aus Sicht der TCVM sind: 

  • Die Tiere mögen keine Wasseranwendungen.
  • Schmerzen beim Tier sind schwer lokalisierbar.
  • Schmerzen sind dumpf und chronisch.
  • Schmerzen beim Tier verbessern sich durch die Bewegung.
  • Die Tiere sind träge und schwerfällig.
  • Geschwollene Gliedmaßen
  • Die Tiere benagen die Gelenke häufig (vor allem die Karpalgelenke).
  • Beim Abtasten fühlen sich die Gelenke der Tiere wie aufgeblasen an. 
  • Taubheitsgefühl
  • Zunge: groß, feucht, Zungenkörper, dieser kann geschwollen sein, dicker klebriger Zungenbelag

Westliche Erkrankungen, die der Feuchtigkeit zugeordnet werden können:

  • Ödeme
  • Angelaufene Beine
  • Lipome
  • Gallen
  • Parästhesien


Das Hitze-Bi/Fiebriges-Bi

Spezifisch ist hier die äußere Hitze, welche sich in einem Sonnenbrand oder Sonnenstich zeigt. Hier kommt es zu einer lokalen Übersteigerung der Mikrozirkulation, wodurch es zu einer Entzündung von Haut oder Gehirnhäuten kommt. Eine innere Hitze ist ein Infekt mit hohem Fieber.

Typische Symptome aus Sicht der TCVM sind: 

  • Symptome treten plötzlich auf.
  • Schmerzen sind pochend, brennend, stechend
  • Gelenke sind überhitzt und geschwollen
  • Bewegung verschlechtert, Ruhe verbessert
  • Trockener Stuhl oder Verstopfung
  • Trockener Rachen
  • Die Tiere trinken viel, vor allem kaltes Wasser
  • Allgemeinbefinden verschlechtert sich.
  • Gelenke werden im Laufe der Zeit steif.
  • Zunge: rot, evtl. mit gelbem Belag

Westliche Erkrankungen, die der Feuchtigkeit zugeordnet werden können:

  • Alle akuten Entzündungsprozesse mit den Entzündungssymptomen Calor (Hitze), Rubor (Rötung), Dolor (Schmerz), Tumor (Schwellung), Functio laesa (gestörte Funktion)
  • Tendovaginitis/Tendinitis
  • (Poly-)Arthritis
  • Vaginitis
  • Gonitis
  • Myalgien
  • Myositis

Bei einer Hitzeproblematik können die Blutgefäße geschädigt werden. Hierdurch kann es zu einem Blutaustritt kommen, woraus sich eine Shen-(Geist)-Störungen, also eine emotionale Störung, entwickeln kann. Es ist möglich, dass Tiere Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Hier muss Shen (Geist) und das Herz (Xin) mit behandelt werden.  


Das Chronische Bi/Knochen-Bi

Das chronische Bi kann sich aus jedem vorherigen Bi-Typen entwickeln. Neben den pathogenen Faktoren (Wind, Kälte, Nässe oder Hitze) entsteht ein allgemeiner Qi- oder Blutmangel. Das heißt, es kommt zu einer Schwächung des Körpers.  Außerdem ist die Transformation der Flüssigkeiten unzureichend.  Hieraus kann sich eine Schleimbildung in den Gelenken entwickeln. Zusätzlich zeigt sich eine Blutstase durch die Behinderung der Blutzirkulation in den Leitbahnen. Im weiteren Verlauf kann sich eine Leber- und Nierenschwäche ausbilden.

Typische Symptome aus Sicht der TCVM sind: 

  • Schmerzhafte Gelenke 
  • Funktionsverlust der Gelenke (Flexion, Extension)
  • Deformierung von Knochen und Gelenken
  • Schmerzhafte Schwellungen der Gelenke

Westliche Erkrankungen, die dem chronischen Bi zugeordnet werden können:

  • Ankylosenbildung
  • In fortgeschrittenen Fällen Gelenkdegeneration
  • Cervicale Spondylopathien
  • Wobbler-Syndrom
  • Spinale Ataxien
  • Rückenmarkskompression, Verengung des Rückenmarks
  • Kissing Spines
  • Spondylose
  • Arthrose
  • Bandscheibenvorfälle

Beim chronischen Bi ist es wichtig, dass die Nieren und das Leber-Blut mit den entsprechenden Akupunkturpunkten gestärkt werden. 

Schau dir bei Problemen des Bewegungsapparates und bei Schmerzen deinen tierischen Patienten genau an. Achte darauf, wie die Probleme entstanden sind. Die Tierakupunktur bietet eine große Möglichkeit zu helfen. Unterstütze deinen tierischen Patienten nicht nur mit der Akupunktur, sondern auch mit manuellen Behandlungsmethoden oder auch der Akupressur. Denke daran, deine Patienten mit TCM-Kräutern zu unterstützen. So hast du ein „Rundum“-Paket und dein Patient wird schneller schmerzfrei werden. 


Wie viele Akupunkturpunkte verwende ich?

Das kommt ganz auf den Fall an. Ich persönlich verwende meist ein bis zwei Punkte und arbeite mit Akupunkturnadeln. Für die Schmerzbehandlung am Tier empfiehlt es sich, maximal vier bis fünf Akupunkturpunkte zu verwenden. 

Erinnere dich daran, was in deiner Akupunkturausbildung gelehrt wurde. Wenn du dennoch verunsichert bist oder noch tiefer in die Tierakupunktur einsteigen möchtest, kannst du dir mein Onlineseminar

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